Die Autor:innen
Xplor e.V. ist ein interdisziplinärer Verein aus Frankfurt am Main, der Formate an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit organisiert. Dazu gehören Vortragsreihen, Podcasts, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen sowie eigene Artikel, in denen versucht wird, wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher Sprache zu vermitteln.
Wissenschaft neu betrachten
Bei unserer Ausstellung „BioArt – Aspekte des Lebens“ im Rahmen der Night of Science 2025 der Goethe-Universität Frankfurt am Main standen eine Zellbiologin, eine Künstlerin, mehrere Besucher:innen ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund, Kinder und wir selbst (Mitglieder von Xplor e.V.) gemeinsam vor denselben Mikroskopaufnahmen biologischer Strukturen. Obwohl wir alle auf dieselben Bilder blickten, sahen wir unterschiedliche Dinge. Während die Zellbiologin über Zellstrukturen und biologische Prozesse sprach, beschrieb die Künstlerin Formen, Ästhetik und Kompositionen. Andere Besucher:innen fühlten sich an Landschaften, Organismen oder abstrakte Kunst erinnert.
Aus diesem gemeinsamen Betrachten entwickelte sich ein Gespräch, das weit über die naturwissenschaftliche Erkenntnis hinter dem Bild hinausging. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Mikroskopie oder wissenschaftliche Details, sondern auch um Wahrnehmung und Interpretation. So entstanden Diskussionen über das Leben an sich, dessen Entstehung, ob es Leben außerhalb der Erde gibt oder, ob wir vielleicht sogar nur eine Simulation sind. Aber auch ethische Themen wurden aufgegriffen: Was können Forschende bereits für medizinische Wunder vollbringen, und wollen wir bestimmte Arten von Eingriffen in das Leben allgemein sowie unser eigenes Leben zulassen?
Besonders faszinierend war dabei, dass einige der ausgestellten Werke ursprünglich aus wissenschaftlichen Publikationen stammten. Innerhalb dieser dienen solche Bilder vor allem der Darstellung von Ergebnissen und finden nicht den Weg zu anderen Betrachtenden. Erst durch die Ausstellung wurden sie für Menschen außerhalb der Naturwissenschaft zugänglich und führten zu neuen Interpretationsansätzen.
Solche Erfahrungen zeigen uns, dass Naturwissenschaft nicht nur in Fachpublikationen, Laboren oder Konferenzen stattfindet. Manche der spannendsten Gespräche entstehen gerade dort, wo Wissenschaft auf Kunst, persönliche Erfahrungen und öffentliche Perspektiven trifft. Wir finden, dass genau diese offenen Begegnungen im klassischen Wissenschaftsbetrieb viel zu selten Raum bekommen.
Wissenschaftliche Publikationen sind unverzichtbar für wissenschaftlichen Fortschritt. Sie ermöglichen Präzision, Nachvollziehbarkeit und den internationalen Austausch innerhalb von Fachgemeinschaften. Gleichzeitig bleiben viele wissenschaftliche Erkenntnisse häufig innerhalb disziplinärer Grenzen und akademischer Räume. Viele Menschen kommen nie mit ihnen in Berührung – nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil der Zugang zu wissenschaftlicher Sprache, Fachjournalen und akademischen Diskursen sehr begrenzt ist.
Gesamtgesellschaftlich relevante Fragen, wie beispielsweise zu Gesundheit, Bewusstsein, Klima, Technologie oder dem Leben selbst, lassen sich jedoch selten nur aus einer einzigen Fachrichtung betrachten. Wissenschaftliches Verständnis entsteht außerdem oft nicht allein durch Daten und Ergebnisse, sondern auch durch Gespräche, unterschiedliche Perspektiven und gemeinsames Nachdenken.
Genau für solche Situationen haben wir Xplor e.V. gegründet. Mit interdisziplinären Vorträgen, Podcasts, Diskussionsformaten und Ausstellungen versuchen wir, Räume zu schaffen, in denen Wissenschaft nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam erlebt, hinterfragt und diskutiert werden kann.
Räume für Begegnung und Austausch
Besonders deutlich wurde uns das auch bei unserer Vortragsreihe „Was ist Leben?“. Dafür luden wir Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen ein, dieselbe Frage aus ihrer jeweiligen Perspektive zu betrachten. Je nach Disziplin entstanden dabei völlig unterschiedliche Antworten und Blickwinkel auf das Leben.
Fast noch spannender als die Vorträge selbst waren jedoch oft die Gespräche im Anschluss. Mit einem Getränk in der Hand kamen Besucher:innen, Studierende, Forschende und Interessierte miteinander ins Gespräch. Dabei entstanden Diskussionen, die weit über die eigentlichen Inhalte der Vorträge hinausgingen. Es wurde gefragt, widersprochen, ergänzt und gemeinsam weitergedacht. Viele der Begegnungen, die uns bis heute in Erinnerung geblieben sind, wären in klassischen akademischen Kontexten vermutlich nie entstanden.
Diese offenen Gespräche haben uns gezeigt, dass Wissenschaft für viele Menschen besonders greifbar wird, wenn sie nicht nur als fertiges Ergebnis präsentiert wird, sondern als gemeinsamer Prozess des Fragens und Verstehens.
Ähnliche Erfahrungen machten wir auch mit unserem bereits erwähnten Format „XPLOR der Podcast“. In einer der Folgen sprachen wir mit einer Psychotherapeutin über ihren Berufsalltag, persönliche Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis und die Frage, wie sich menschliches Erleben wissenschaftlich beschreiben lässt. Dabei entstand kein klassisches Interview mit klarer Trennung zwischen Expertin und Publikum, sondern vielmehr ein gemeinsames Gespräch.
Diese Offenheit machte den Austausch so besonders. Neben fachlichen Inhalten entsteht so ein Raum für persönliche Erfahrungen, Unsicherheiten, unterschiedliche Perspektiven und Fragen, die in einem klassischen Vortrag oder einer wissenschaftlichen Publikation oft keinen Platz finden. Es entsteht nicht nur Wissensvermittlung, sondern ein Dialog, in dem Wissenschaft als etwas Menschliches und Nahbares erfahrbar wurde.
Wissenschaft braucht offene Räume
Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass solche interdisziplinären Formate im Wissenschaftssystem häufig nur als ergänzende Arbeit wahrgenommen werden. Sichtbarkeit und wissenschaftlicher Erfolg werden weiterhin vor allem über Publikationen, Drittmittel und klassische akademische Leistungen definiert. Räume für offenen Austausch zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit entstehen deshalb häufig außerhalb institutioneller Strukturen und beruhen nicht selten auf ehrenamtlichem Engagement.
Diese geringe Anerkennung spiegelt sich auch in den Rahmenbedingungen wider, unter denen Wissenschaftskommunikation häufig stattfindet. Viele Forschende arbeiten unter hohem Zeitdruck, befristeten Beschäftigungsverhältnissen, Publikationsanforderungen und dem ständigen Einwerben von Drittmitteln. Dass Wissenschaftskommunikation unter diesen Bedingungen oft zu kurz kommt, ist deshalb weniger eine individuelle Entscheidung als vielmehr Ausdruck struktureller Rahmenbedingungen. Umso bemerkenswerter ist es, dass viele Wissenschaftler:innen dennoch aktiv nach Wegen suchen, ihre Forschung mit der Gesellschaft in den Dialog zu bringen.
Viele Menschen interessieren sich für naturwissenschaftliche Themen, wünschen sich jedoch Zugänge, die über Fachsprache und akademische Debatten hinausgehen. Auch viele Forschende suchen nach Räumen, in denen Wissenschaft nicht nur bewertet und präsentiert, sondern gemeinsam reflektiert und diskutiert werden kann.
Interdisziplinäre Formate sind deshalb aus unserer Sicht nicht nur „Outreach“ oder eine vereinfachte Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte. Sie schaffen Räume, in denen neue Perspektiven entstehen können und Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam über komplexe Fragen nachdenken, in denen assoziative Verknüpfungen verschiedener Themengebiete zu neuen Anregungen für das eigene Fachgebiet, die Arbeit und Persönlichkeitsentwicklung führen.
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisiert verlaufen und viele Menschen sich vor allem innerhalb ihrer eigenen Perspektiven und digitalen Räume bewegen, erscheinen uns solche offenen Begegnungsräume wichtiger denn je. Formate, die verschiedene Wissenschaftsdisziplinen, Kultur, Kunst und Öffentlichkeit zusammenbringen, sollten deshalb nicht nur stärker gefördert und anerkannt werden, sondern auch von uns allen aktiv genutzt werden. Denn Wissenschaft lebt nicht nur von Antworten, sondern auch von der Bereitschaft, gemeinsam neue Fragen zu stell
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